
Die freundliche Schule
Caroline Peters ist zu Gast. Ihre Lesung bildet den Auftakt der städteregionalen Kulturtage, die in diesem Jahr in Baesweiler stattfinden. Mit literarischem Feinsinn und vorgelesener Eleganz blättert sie an diesem Freitagabend mehrere Kapitel ihres Buches „Ein anderes Leben“ auf.
Es sind Geschichten, erfundene und wahr klingende, nach dem Motto der Hauptprotagonistin: „Das wirkliche Leben ist langweilig.“
Im PZ des Gymnasiums erlebt man diese aus dem großen Ensemble der deutschen Schauspielkunst herausragende und mehrfach ausgezeichnete Darstellerin nicht in bühnen- oder filmreifer Choreografie. Es reicht vollkommen, ihrem über 90 Minuten ausnahmslos fehlerfreien und vor Lebendigkeit sprühenden Vorlesen zuzuhören.
Sie spielt mit Sprache und der Art, sie prägnant und nachhaltig zu präsentieren, und sie inszeniert eine Fülle sich aneinanderreihender Augenblicke, die sich am Ende zu Lebensabschnitten addieren. Ihre Szenen schaffen angenehme, da unaufdringliche Präsenz, und man denkt an einen Satz von Bernhard von Clairvaux: „Hören ist ein Schritt zum Sehen.“ Man sieht in ihren Roman hinein, weil sie durch die Zeilen ihres Romans in Szenen, Dialogen, Akzenten, Modulationen und Pausen geradezu balanciert.
Da hat man eine Wahrnehmung kurz vor der Lesung beinahe vergessen. „Die freundliche Schule“. Fast zu übersehen, ergreift einen diese freundliche Feststellung beim Betreten des Foyers zum Pädagogischen Zentrum des Baesweiler Gymnasiums. Freundliche Schule. So steht es auf diesem kleinen Zettel, der auf die Eingangstür geklebt wurde. Irgendwann und gewiss mit freundlicher Absicht. Diese Absichtserklärung lautet: Hier gehen wir freundlich miteinander um. Hier schaffen wir eine freundliche Atmosphäre. Hier wissen wir, dass man mit Freundlichkeit besser lernt. Und wir lernen, dass Freundlichkeit die Brücke zum Dialog, zum gegenseitigen Verständnis, zur Toleranz ist.
Die freundliche Schule: Drei Wörter sind ein Zeugnis dafür, wie schön Menschsein mitten im Alltag daherkommen kann. Und man ahnt, dass es diese kleine heile Welt nicht uneingeschränkt gibt. Ein Mann beschwert sich kopfschüttelnd und maßlos, weil eine Frau wegen der Kälte an ein paar Leuten draußen vorbei ins warme Innere geht, sich nur an den Rand stellt, nicht vordrängelt, wartet. Das reicht für den Protest eines Jemand in seiner kleinen zusammenbrechenden Welt. Unfreundlichkeit wegen nichts, nur wenige Zentimeter von den drei Wörtern entfernt: die freundliche Schule. Schade, das Leben ist tatsächlich keine Idylle mit solchen Menschen.
Gehen wir miteinander gut um! Mit Respekt, mit Rücksicht, mit dem permanenten Angebot, freundlich zu sein. Und in unserem Fall zu sagen: „Kein Problem, kommen sie rein, ich halte Ihnen schon die Tür auf, gerne können Sie hier auf Ihren Mann warten.“ Und: „Viel Spaß bei der Lesung.“ Was für ein freundlicher Mann!
Ein anderes Leben!