Notre-Dame: Farben, Licht und Liebe zum Detail

Notre-Dame: Farben, Licht und Liebe zum Detail

Paris. „Es galt zunächst zu retten, was zu retten war.“

Philippe Villeneuve, Chefarchitekt der Restaurierung von Notre-Dame de Paris, erinnert sich an diesen dramatischen Abend des 15. April 2019 mit diesem einen Satz, der alles sagt.

Am Morgen nach dem verheerenden Feuer klettert er mit Feuerwehrleuten zum wenige Stunden zuvor stark einsturzgefährdeten Nordturm hinauf. Sein Fazit: „Der Schaden ist enorm, aber nicht irreparabel.“ Schnell wird ihm klar, dass Notre-Dame zu retten ist, wenn schnell gehandelt wird. Fünf Jahre gibt der Staatspräsident als Ziel aus. Und Villeneuve antwortet: „Es ist möglich, diese Frist einzuhalten.“ Er und seine Leute haben es geschafft!

Die Pietà war verrußt, ansonsten aber unversehrt und strahlt wieder im hellsten Weiß. Entstanden ist die Skulptur 1723, geschaffen hat sie Nicolas Coustou.
Die Pietà war verrußt, ansonsten aber unversehrt und strahlt wieder im hellsten Weiß. Entstanden ist die Skulptur 1723, geschaffen hat sie Nicolas Coustou.

Die grandiose Kathedrale ist nicht einfach „nur“ restauriert worden. Sie feiert eine Auferstehung mit Farben, Licht und Liebe zum Detail. Und sie strahlt! Wie oft habe ich Notre-Dame schon besucht! Und noch nie hat sie mich in solchem Glanz empfangen. Die Überwältigung weicht den Erinnerungen, die seit dem 15. April 2019 geblieben sind.

Während des Abendgottesdienstes schlägt um 18.20 Uhr die Feuerwache der Kathedrale Alarm. Fehlalarm, heißt es. Eine Viertelstunde später Evakuierung. Im Dachgeschoss lodern Flammen. Um 19:50 Uhr stürzt der Turm ein und durchbricht das Gewölbe. Es brennt nun auch im Inneren der Kathedrale. Fassungslos stehen die Menschen an den Kais der Seine. Einige weinen. Einige beten. Einige blicken nur starr auf das lodernde Feuer, den einstürzenden Turm über dem Gewölbe. Auf die Flammen im Nordturm. Die Kathedrale droht in Schutt und Asche zu versinken. Kurz vor 23 Uhr sind die großen Türme gerettet. Um vier Uhr morgens ist der Brand unter Kontrolle.

Hunderte Spezialisten

Fast sechs Jahre später leuchtet Notre-Dame und wird von ihren Kronleuchtern in ein einzigartiges Licht gesetzt. Sie gibt sich ganz der wunderschönen Choreografie ihrer Farben in Fenstern und Gemälden, ihrer meisterhaft restaurierten Skulpturen und Szenen hin. Mit fast ausgestorbenen Techniken haben hunderte Spezialisten jenseits aller Acht-Stunden-Tage gearbeitet, gestaltet, geplant, entwickelt, geforscht, probiert, verworfen und wenn es sein musste, neu begonnen. Auf der einen Seite stand das Arbeiten mit einer Dechsel, einer speziellen Axt zum Schneiden von Holz, auf der anderen der Einsatz moderner Logistik mit digitalen Methoden, die eine hohe Präzision der Messungen erlauben und helfen, den ambitionierten Terminplan einzuhalten, um dennoch immer wieder mal zu testen, was geht. Das war die Devise von Philippe Villeneuve. „So konnten wir die Struktur besser verstehen.“ Sie kamen den Erbauern der Kathedrale auf die Spur, ihren Einfällen, Ideen, Absichten, Effekten.

Das Reliquiar der Dornenkrone befindet sich hinter diesem goldenen Kranz. Die Reliquie wurde noch am Abend während des Feuers von Capitaine Franck gerettet.
Das Reliquiar der Dornenkrone befindet sich hinter diesem goldenen Kranz. Die Reliquie wurde noch am Abend während des Feuers von Capitaine Franck gerettet.
Die berühmte Statue der Jungfrau Maria („Notre Dame de Paris“) mit Kind blieb bei Brand völlig unbeschädigt, während der Turm und die Gewölbe zu ihren Füßen einstürzten. Manche sprechen ehrfürchtig vom „Wunder von Notre Dame“
Die berühmte Statue der Jungfrau Maria („Notre Dame de Paris“) mit Kind blieb bei Brand völlig unbeschädigt, während der Turm und die Gewölbe zu ihren Füßen einstürzten. Manche sprechen ehrfürchtig vom „Wunder von Notre Dame“

Es gab Debatten über die Art der Restaurierung: authentisch, modifiziert, ganz modern? Vorschläge und kreative Spinnereien sorgten für geräuschvolle Dissonanzen. Doch für Philippe Villeneuve und andere Fachleute war die für manchen Architekten gewiss reizvolle Möglichkeit, die Kathedrale neu zu erfinden, kein Thema. Villeneuve: „Einige von Architekten für die Renovierung des Turms vorgeschlagene visuellen Elemente grenzten an Gags.“ Die Authentizität hat gewonnen!

Der Altarraum ist im Design neu gestaltet worden und besticht durch die Verbindung zwischen Tradition und Moderne.
Der Altarraum ist im Design neu gestaltet worden und besticht durch die Verbindung zwischen Tradition und Moderne.

Menschen, die noch nie in Notre-Dame waren, entdecken jetzt – gerade nach der Katastrophe –  hier ein Stück ihrer eigenen Identität. Die kalten Steine dieser Kathedrale ein erwärmendes Gefühl aus: Viele Menschen brauchen solche Ankerpunkte, solche Meilensteine der Menschheitsgeschichte. Deshalb war das Entsetzen nicht nur ein französisches Phänomen, sondern ein internationales. Notre-Dame ist eine für Christen errichtete Kirche und gleichzeitig ein Denkmal für die Menschheit, sei sie religiös oder atheistisch, gläubig oder ungläubig, aber vor allem: staunend. Ein Ort des Glaubens und der Architektur gleichermaßen.

Architekt Villeneuve sagte vor der Wiedereröffnung im Dezember 2024 in einem Interview mit Le Figaro: „Ich habe nur meine Pflicht getan. Ich musste sicherstellen, dass jede getroffene Entscheidung, jedes ausgewählte Material und jede verwendete Technik dieser Verpflichtung  gerecht wurde. Auch dies verleiht unserer Arbeit eine tiefe Bedeutung. Und wahrscheinlich bin ich etwas erschöpft, aber ich blicke auf die nächsten Projekte: Die Arbeit an Notre-Dame ist noch nicht beendet, es gibt noch viel zu tun.“

Neu geschaffen: das Taufbecken, das im dezenten Licht glitzert wie echtes Wasser.
Neu geschaffen: das Taufbecken, das im dezenten Licht glitzert wie echtes Wasser.

Kirche und Staat. Diese Beziehung ist in Frankreich très compliqué. Vor dem Brand fühlte sich das Pariser Erzbistum schlecht behandelt. Der Verfall der Kathedrale war bereits weit fortgeschritten, und es gab kaum finanzielle Förderung: zwei Millionen Euro pro Jahr, erst nach dem Feuer, das an Herz und Nieren des Staates ging, dann zusätzlich zu jedem privat gespendeten Euro einen weiteren staatlichen Euro. 843 Millionen Euro wurden von Unternehmen und 340.000 Einzelpersonen gespendet. Bis zur Wiedereröffnung im Dezember sind rund 700 Millionen davon ausgegeben worden.Helm und Kreuz Feuerwehr

Querelen an vielen Fronten: So hat Kultusministerin Rachida Dati vorgeschlagen, für sechs Kapellen an der Südseite nicht beschädigte Fenster durch zeitgenössische Werke zu ersetzen und einen Wettbewerb ausgerufen. Die Architekten, 240.000 Unterzeichner einer Petition und die National Heritage Commission haben das Projekt einstimmig abgelehnt. Aber im Elysée hat man beschlossen, das zu ignorieren – in diesem Fall mit Unterstützung des Erzbistums. Die eigenen Architekten sagen: „Wir befürchten das Schlimmste.“ Keinen Erfolg hatte die Ministerin mit ihrer Idee, für Notre-Dame Eintritt zu verlangen.

Die Rosetten der Kathedrale sind wieder gereinigt und vollständig restauriert worden.
Die Rosetten der Kathedrale sind wieder gereinigt und vollständig restauriert worden.

Die Kathedrale schien an diesem Abend im April 2019 fast verloren. Nun scheint es, als liebten die Franzosen sie mehr denn je. Noch nie habe ich in Pariser Buchhandlungen in so großer Zahl hochwertige Literatur über Notre-Dame entdeckt, vor allem für Kinder liebevoll aufbereitete. Eine Tragödie mit Happy End. Viele der Menschen, die hier in der Kathedrale in Hülle und Fülle sich bewegen, stehen, schauen, staunen und trotz der Massen nicht drängeln, gehen anders heraus, als sie hereingekommen sind. Sie spüren, und sei es nur im Unterbewusstsein, dass diese sakrale Architektur und Kunst mehr sind als irgendein inszeniertes Schauspiel, mehr als „son et lumière“, mehr als nur Steine und kirchliches Ritual oder ein Tribut an denkmalgeschützte Kunstgeschichte.

Höchste Wertschätzung gilt den Heldentaten der Feuerwehrleute, Handwerker, Gerüstbauer, Kranführer, Archäologen, Kunsthistoriker, Orgelbauer, Architekten, Künstler, all diesen fantastischen Frauen und Männern, diesen großen Persönlichkeiten, die Notre-Dame gerettet und auf geniale Art neu gestaltet haben. Ein herzliches Dankeschön! Un merci sincère!

Restaurierte Heiligenbilder: Im Norden und Süden der Kathedrale sind in durchgehenden Flachreliefs Szenen aus der Heiligengeschichte dargestellt, hier das letzte Abendmahl. Die 13 Motive aus dem Neuen Testament entstanden zwischen 1300 und 1318.
Restaurierte Heiligenbilder: Im Norden und Süden der Kathedrale sind in durchgehenden Flachreliefs Szenen aus der Heiligengeschichte dargestellt, hier das letzte Abendmahl. Die 13 Motive aus dem Neuen Testament entstanden zwischen 1300 und 1318. Alle Fotos: Bernd Mathieu. Der Text ist am 28. März in der Aachener Zeitung erschienen. 

2 Gedanken zu „Notre-Dame: Farben, Licht und Liebe zum Detail

  1. Informative Berichterstattung! Gleichzeitig erfreulich, dass es in Frankreich möglich war, in 5 Jahren diese Kathedrale zu renovieren! Wenn viele wollen!

    1. Ich kann Ihren Beitrag nach meinem eigenen Besuch am 27.03.25 nur bestätigen. Notre,Dame erstrahlt im neuen Glanz und erfüllt das Herz mit Dankbarkeit und,Freude. Schade, dass der Zutritt nicht limitiert war, so war das Gedränge riesengross und verdarb die nötige Andacht und das, Innehalten.

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